Samstag, 6. Dezember 2014

Einsam am Heiligen Abend




























Jedesmal wenn Weihnachten kommt , muß ich an Herrn Sörensen denken. Er war der erste Mensch in meinem Leben, der ein einsames Weihnachtsfest feierte, und das habe ich nie vergessen können.
Herr Sörensen war mein Lehrer in der ersten Klasse .Er war gut, im Winter bröselte er sein ganzes Frühstücksbrot für die hungrigen Spatzen vor dem Femster zusammen .Und wenn im Sommer die Schwalben ihre Nester unter den Dachvorsprung klebten, zeigte er uns die Vögel , wie  sie mit ihrem hellen Schreien hin und her flogen. Aber seine Augen blieben immer betrübt.
Im Städtchen sagten sie, Herr Sörensen sei ein wohlhabener Mann . "Nicht wahr , Herr Sörensen hat Geld " ? fragte ich einmal meine Mutter . "Ja man sagt´s ." -"Ja...ich hab ihn einmal weinen sehen , in der Pause ,als ich mein Butterbrot holen wollte ...."
"Herr Sörensen ist vielleicht so betrübt , weil er so alleine ist", sagte meine Mutter ."Hat er denn keine Geschwister ?" fragte ich ."Nein, er ist ganz alleine auf der Welt ..."
Als dann Weihnachten war, sandte mich  meine Mutter mit Weihnachtsbäckereien zu Herrn Sörensen.Wie gut ich mich daran erinnere. Unser Stubenmädchen ging mit ,und wir trugen ein großes Paket ,mit rosa Band gebunden , wie die Mutter stets ihre Weihnachtspäckchen schmückte .
Die Treppe von Herrn Sörensen war schneeweiß gefegt . Ich getraute mich kaum einzutreten , so rein war der weiße Boden. Das Stubenmädchen überbrachte die Grüße meiner Mutter . Ich sah mich um .Ein schmaler hoher Spiegel war da, und rings um ihn, in schmalen Rahmen , lauter schwarz geschnittene Profile , wie ich sie vorher nie gesehen hatte.
Herr Sörensen zog mich ins Zimmer hinein und fragte mich ,ob ich mich auf Weihnachten freue. Ich nickte ."Und wo wird ihr Weihnachtsbaum stehen, Herr Sörensen?" -"Ich ? Ich habe keinen , ich bleibe zuhause ."
Und da schlug mir etwas aufs Herz beim Gedanken an Weihnachten in diesem "Zuhause".-In dieser Stube mit den schwarzen kleinen Bildern , den schweigenden Büchern und dem alten Sofa ,auf dem nie ein Mensch saß -ich fühlte das Trostlose, das Verlassene in dieser einsamen Stube , ich schlug den Arm vor das Gesicht und heulte . Herr Sörensen zog mich auf seine Knie und drückte sein Gesicht an meins ,er sagte leise " du bist ein guter, kleiner  Bub  ."Und ich drückte mich noch fester an ihn und weinte herzzerbrechend .
Als wir heimkamen , erzählte das Stubenmädchen meiner Mutter , ich hätte "gebrüllt".Aber ich schüttelte den Kopf und sagte:"Nein , ich habe nicht gebrüllt .Ich habe geweint .Und weißt du, ich habe deshalb geweint , weil niemand zu Herrn Sörensen kommt. Nicht mal am heiligen Abend ...."
Später als wir in eine andere Stadt zogen , verschwand Herr Sörensen aus meinem Leben.Ich hörte nie mehr etwas von ihm .Aber an jenem Tag , als ich an seiner Schulter weinte , fühlte ich, ohne es zu verstehen , zum ersten Male , das es Menschen gibt , die einsam sind .Und das es besonders schwer ist , alleine und einsam zu sein an Weihnachten .
von Herman Bang (1857-1902)

Vielleicht habt ihr auch in eurer Nachbarschaft jemanden wohnen , der einsam und alleine unterm Weihnachtsbaum sitzt . Vielleicht würde der sich freuen wenn ihr ihn mal ansprecht oder einladen würdet auf eine Tasse Kaffee mit Keks dabei. Es ist gar nicht so schwierig .Ich wünsche ein besinnliches Weihnachten und eine entspannte Zeit und werde mich erst nach Weihnachten wieder so richtig um meine Googlies kümmern können . Vielen Dank an meine treuen Leser und Leserinnen und auf bald . 
Herzlichst eure Elli