Sonntag, 11. Januar 2015

Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzchen

von Hans Christian Andersen:
Die meisten Märchen fangen doch so an :Es war einmal ..... also dieses auch :)

Es war einmal grausig kalt ; es schneite und es begann ein dunkler Tag zu werden , es war der letzte Abend  im Jahr , der Silvesterabend . In dieser Kälte und in diesem Dunkel ging auf der Straße ein armes , kleines Mädchen mit bloßem Kopf und nackten Füßen. Ja sie hatte ja freilich Pantoffeln angehabt als sie von zuhause fortging ,aber was konnte das helfen ? Es waren sehr große Pantoffeln , ihre Mutter hatte sie zuletzt benützt, so groß waren sie , und die verlor die Kleine, als sie über die Strasse eilte , weil zwei Wagen so schrecklich schnell vorbeifuhren.
Der eine Pantoffel war nicht zu finden ,und mit dem anderen lief ein Junge davon; er sagte , dass er ihn als Wiege benutzen wolle wenn er selbst mal Kinder habe . 
Da ging nun das kleine Mädchen auf den kleinen ,nackten Füßen, die rot und blau vor Kälte waren ;in einer alten Schürze trug sie eine Menge Schwefelhölzer , und mit einem Bund in der Hand ging sie dahin. Keiner hatte ihr während des ganzen Tages etwas abgekauft , keiner ihr einen kleinen Schilling gegeben. Die Schneeflocken fielen in ihre langen ,  blonden Haare , die sich so schön um den Nacken lockten;
-aber an die Pracht dachte sie natürlich nicht . Aus allen Fenstern leuchteten Lichte , und da roch es nach Gänsebraten, es war ja Neujahrsabend und daran dachte sie .

Hinten in einer Ecke ,zwischen zwei Häusern , das eine sprang etwas mehr hervor als das andere , da setzte sie sich ihn und kauerte sich zusammen. Die kleinen Beine hatte sie hinaufgezogen unter sich , aber sie fror noch mehr und heimgehen durfte sie nicht , sie hatte ja keine Schwefelhölzer verkauft , keinen einzigen Schilling hatte sie eingenommen, ihr Vater würde sie schlagen. Und kalt war es auch daheim , sie hatten einzig ein Dach über dem Kopf und da pfiff der Wind hindurch , obschon Stroh und Lumpen in die größten Löcher gestopft waren. Ihre kleinen Hände waren ganz tot vor Kälte, ein kleines Schwefelhölzchen könnte sie wärmen. Sie zog eines hinaus und ritsch zündete es an ; -ach wie schön eine kleine Flamme , die wie eine Kerze in ihrer Hand ein wärmendes Licht abgab. Sie wollte schon ihre Füße hervorstrecken , um diese auch daran zu wärmen , doch da erlosch das Licht schon wieder. Ein Neues wurde angesteckt, es brannte ,es leuchtete, und wie der Schein auf die Mauer fiel wurde sie durchsichtig wie ein Schleier ; sie sah ganz in die Stube hinein , wo der Tisch mit einem schimmernden weißen Tuch gedeckt stand , mit seinem Porzellan ,und herrlich dampfte die gebratene Gans , die mit Pflaumen und Äpfeln gefüllt war , und was noch prächtiger war , die Gans sprang vom Tisch mit Messer und Gabel im Rücken und watschelte auf das Mädchen zu; doch da erlosch das Feuerchen und sie starrte auf die kalte Wand des Hauses .

Sie zündete ein Neues an , da saß sie unter dem herrlichsten Weihnachtsbaum, der war noch größer und herrlicher geschmückt als der , den sie letztes Jahr bei dem reichen Kaufmann im Fenster gesehen hatte .Tausende Lichter glänzten an den grünen Zweigen ,und bunte Bilder wie die , die die Ladenfenster schmückten , sahen auf sie herab .Die Kleine streckte beide Hände hoch , da erlosch das Schwefelholz .Die vielen Weihnachtslichter stiegen höher und höher , sie sah es waren nur die kleinen Sterne , einer von ihnen fiel und bildete einen langen Feuerstreifen am Himmel. 
"Nun stirbt da jemand !" , sagte die Kleine , denn die alte Großmutter , die immer gut zu ihr gewesen, aber jetzt tot war, hatte gesagt :" Wenn ein Stern fällt , steigt eine Seele empor zu Gott."
Sie strich wieder ein Schwefelholz an die Mauer , es leuchtete im Umkreis, und in dem Umfeld stand die alte Großmutter ,so hell und so leuchtend so mild und gesegnet .

"Großmutter " rief die Kleine , " Oh nimm mich mit ,ich weiß du bist fort wenn das Schwefelholz ausgeht ,fort wie der warme Ofen , der herrliche Gänsebraten und der große , prächtige Weihnachtsbaum ".-und sie strich in Eile den ganzen Rest Schwefelhölzer auf einmal an der Wand entlang, sie wollte die Großmutter recht festhalten .Und die Schwefelhölzer leuchteten in einem so schönen Glanz , das es heller war als am Tag .Großmutter war früher nie so schön gewesen , so groß. Sie hob das kleine Mädchen auf ihren Arm, und sie flogen in Glanz und Freude so hoch , so hoch!
Und da war keine Kälte , kein Hunger , keine Angst -sie waren bei Gott .
Aber in der Ecke beim Haus , saß ein kleines Mädchen ,mit einem Lächeln auf dem Mund , erfroren . Erfroren am letzten Abend des alten Jahres .Der Neujahrsmorgen ging auf über der kleinen Leiche, die mit Schwefelhölzern dasaß, von denen ein Bund fast abgebrannt war. Sie hat sich wärmen wollen , sagt man . Niemand wusste, was sie schönes gesehen hatte , in welchem Glanz sie mit der Großmutter zusammen eingegangen war in den Himmel . 
Ich stelle euch dieses Märchen hier rein , weil ich es so schön finde . Es gibt einem Hoffnung auf ein friedliches Ende und ein Weiterleben nach dem Tod . Ausserdem ist eine gute Bekannte von mir , am Tag vor Silvester von dieser Welt gegangen und ich erinnerte mich an dieses Märchen . Ich wünsche ihr eine gute Reise in ein Jenseits , was wir alle nicht kennen. Herzlichst , eure Elli

das Bild habe ich nach der Vorlage von Johan Thomas Lundbye (1818-1848) gezeichnet