Dienstag, 31. März 2015

Zwielicht






"Dämmrung will die Flügel spreizen, 
schaurig rühren sich die Bäume ,
Wolken ziehn wie schwere Träume -
was will das Graun bedeuten ?
Hast ein Reh du lieb vor andern,
lass es nicht alleine grasen,
Jäger ziehn im Wald und blasen,
Stimmen hin und wieder wandern .

Hast du einen Freund hinieden,
trau ihm nicht zu dieser Stunde ,
freundlich wohl mit Aug und Munde,
sinnt er Krieg in tückschen Frieden.
Was heut müde gehet unter ,
hebt sich morgen neugeboren .
Manches bleibt in der Nacht verloren-
hüte dich , bleib wach und munter !"  

Joseph von Eichendorff 

Das Gedicht spiegelt die Mehrdeutigkeit der Abenddämmerung . Für den Einen ist sie bedrohlich , kündigt sie doch das Ende an , für den anderen gibt sie Raum für einen Tagesabschluß , seine Gedanken zu sortieren  und kündigt die Erneuerung an . So ist der Schlaf immer wieder ein kleiner Tod , der uns ereilt , um wieder einen Neubeginn zu wagen . Das Zwielicht der Abenddämmerung symbolisiert den Übergang von Wach und Schlaf.
Vielleicht mag ich dieses Zwielicht deshalb so gerne , da ich zu dieser Stunde geboren bin .